Bemerkungen über aufstehen – Victor Grossman (auf deutsch)

We hope that an English version of this contribution from Victor Grossman will be soon available on this site. You can read more from Victor here.

Gewiss, das Entstehen, vor allem von einer Ko-Vorsitzenden der Fraktion im Bundestag, wurde nicht gerade auf der feinen englischer Art zustande gebracht – und musste ja zwangsläufig andere verärgern.

Dennoch, es war und bleibt dringendst nötig, aus dem 9-11 % Festplatz der LINKE, herauszubrechen, zumal diese Zahl droht, vor allem im Osten tiefer zu sinken (tatsächlich – heute national bei 8%), und die der AfD zu steigen. Der bisherigen Blässe der LINKE, erst recht außerhalb des Bundestags, musste unbedingt irgendwelche Aktivität, also Aktion, entgegengesetzt werden – schnellstens! Und das versprach Aufstehen. Noch dazu mit einer leitenden Figur, die bei einem viel größeren Teil der Bevölkerung Akzeptanz genießt als die LINKE – und die überhaupt eine großartige Rednerin und Gesprächsgegnerin ist.

Es entstand und entsteht damit tatsächlich eine Hoffnung, beim Behalten der meisten Wähler der LINKEN außerdem einen Teil der offensichtlich sehr unzufriedenen SPD-Wähler (und Mitglieder) zu bewegen, auch einen Teil der Grünen, die sich noch als fortschrittliche Gegner des Kapitals und den Kriegslüsternen ansehen, sowie eine möglichst großer Zahl von Wählern, gerade im Osten, die wegen ihrer Unzufriedenheit und Sorge protestieren wollen aber dafür die LINKE als allzu sehr Establishment-treu finden. Diese Hoffnung bewegt mich, Aufstehen zu unterstützen, wie aber außerdem zu hoffen, dass die LINKE, zu der ich gehöre, ihn nicht als Rivale oder gar Gegner ansieht, sondern als Bündnispartner gegen Rechts – und sogar Quelle für Wahlstimmen – so lange Aufstehen noch dabei bleibt, keine Partei werden zu wollen.

Ich habe jedoch manche Sorgen. Beim Versuch, Wähler weg von der AfD zu locken, scheint Sahra gerade in deren Richtung ziemlich weit gegangen zu sein – ja, zuweilen mit Worten, welche die der AfD (und noch brutalere) ein bisschen ähneln. Es ist richtig, die Betonung weg von der Migrationsfrage (bzw. Flüchtlingsfrage) zu bewegen – und in die Richtung von Kämpfen um Verbesserungen für alle, während man auch betont, dass die Ursachen der Flucht radikal angenommen werden müssen – die Ausbeutung des Südens, den Waffenexport usw.. Aber man kann zu weit gehen – in Richtung des Absperrens von Europa. Tut Sahra bzw. Aufstehen das? Ich bin mir noch nicht sicher. Das gilt ebenfalls der Frage des nationalen gegenüber den internationalen Kampfes der Arbeitenden. Gibt es hier eine Abkehr vom Internationalismus? Ich weiß nicht. Ich hoffe nicht!

Bei der LINKE fehlte mir meist eine fundamentale Opposition zum kapitalistischen System – nicht als sofortiges Ziel (wie manche „Wilde“ fordern) aber dennoch als Ziel, mit der nötigen Aufklärung darüber und das Meiden von einem Zufriedengeben mit nur Verbesserungen des hiesigen, heutigen Systems, die dann in eine falsche Richtung führen – also zum Reparieren des Kapitalismus.

Nun, um ein breiteres Publikum zu erreichen als die LINKE, soll wohl Aufstehen es vermeiden, nicht-sozialistische Antifaschisten möglicherweise abzuschrecken. Doch gerade weil die LINKE solche Positionen auch meist gemieden hat, besteht etwa die Gefahr, dass Aufstehen die Politik noch stärker in eine sozialdemokratische Richtung drängen könnte als jetzt der Fall ist? Ich weiß es nicht.

Und schließlich wäre das wichtigste an einer Bewegung wie Aufstehen, dass sie wirklich bewegt – und aufsteht! Bisher habe ich etliche schöne Worte gehört, doch keins über Aktionen, Kämpfe, eben Bewegung! Auch nicht über irgendwelche Treffen, um so etwas zu planen – sondern nur über die Mitsprache-Möglichkeiten der Anhänger durch die Promis-Elektronik – was mir nicht allzu viel anders erscheint als das, woran die Piraten gescheitert sind.

Und schließlich bleibt die Frage offen, ob das Aufstehen zu sehr auf die eine Persönlichkeit Sahra ruht, welche die Medien schnell kaputtschlagen können, wenn sie wirklich eine echte linke Gefahr spüren.

Das sind also meine Sorgen. Es ist interessant, dass die LINKE nun recht ehrgeizige Pläne für Kämpfe über Mieten und andere wichtigen Fragen ankündigen – die ich mir einige Jahre früher gewünscht hätte. Sind sie eine Reaktion auf die mögliche Rivalität von Aufstehen? Das könnte nicht schaden – so lange wir nicht eine Zersplitterung und feindliche Gegenstellung zwischen LINKE und Aufstehen erleben – was Gott verhüte (mit der Hilfe von Karl M.!)

Ich mache mir trotz aller Fragen noch großer Hoffnung – und unterstütze Aufstehen sowie auch die LINKE. Mögen beide, gegenseitig ergänzend, der fürchterlichen Bedrohung entgegenwirken, die mir beinahe in ein Gefühl versetzt, als ob ich im Oktober 1931 lebe.

Beste Wünsche

Victor Grossman

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